Exponat "Aus dem Depot"

Plastiktaschen in der musealen Sammlung?

„Ist das geschichtlich wertvoll?“ Das ist die Frage, die das „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ der historischen Museen ist. Besonders bei Alltagsgegenständen verschwimmen da oft die Grenzen. So auch hier. Denn so sehr man sich wünscht, Plastiktaschen würden bald der Vergangenheit angehören, historischen Wert scheinen sie (noch) nicht zu besitzen. Oder doch?
Betrachtet man die Plastiktaschen in der Sammlung des Museums Industriekultur, fallen sofort die unterschiedlichen Beschriftungen und Gestaltungen ins Auge. Da ist zum Beispiel die Tasche des Kaufhauses Horten, das an der Wittekindstraße lag, auf der das unverkennbare auf Egon Eiermann zurückgehende Muster zu sehen ist, das auch noch heute die Fassade des Gebäudes prägt. Eine andere Tasche stammt wiederrum von „Radio Deutsch“, das sich damals so selbstverständlich im Stadtbild wiederfand, wie heute etwa L+T.
So sind sie Zeugen der Wirtschaftsgeschichte und können, gerade weil sie Alltagsgegenstände (gewesen) sind, viel über die Zeit ihrer jeweiligen Entstehung aussagen.
Es war sogar eine Filiale von Horten, die 1960 als erstes Kaufhaus in Deutschland  Plastiktüten ausgab, bevor diese aufgrund der billigen Herstellungskosten, der hohen Belastbarkeit im Vergleich zu Papiertaschen und der Effizienz als Werbeträger, in den folgenden Jahren zum Massen- und Wegwerfprodukt wurden, das man zum Transport des Einkaufes als kostenlose Serviceleistung bekam.
In den letzten Jahren jedoch sind die Tüten aufgrund ihrer hohen Schädlichkeit für die Umwelt in Verruf geraten, da sie nicht recyclebar sind und trotzdem als Wegwerfprodukt daherkommen.
Daher hat die EU-Kommission im Jahr 2015 eine Richtlinie zur drastischen Senkung des Plastiktütenverbrauches erlassen. Die deutsche Regierung kommt dieser Richtlinie nach, indem sie auf eine Selbstverpflichtung der Händler baut, Plastiktüten nicht mehr kostenlos, sondern gegen Geld an den Kunden zu geben. Viele Händler, darunter sehr viele große Ketten, haben diese Selbstverpflichtung angenommen und so ist der Plastiktütenverbrauch in den letzten drei Jahren tatsächlich zurückgegangen.
Das Ganze ist aber wohl nur ein einzelner Schritt in die richtige Richtung. Eine Richtung deren Ziel vielleicht sein könnte, dass nachfolgende Generationen Plastiktüten wirklich nur noch aus dem Museum kennen würden. Vielleicht ist das Museum Industriekultur in dieser Hinsicht der Zeit voraus?

Anna Brandewiede, Osnabrück

Der Text ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Osnabrücker Wissen" erschienen:

 

Fotografie: Plastikbeutel „Radio Deutsch“, um 1980, Fotografin: M. Kiupel, Osnabrück
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